Die Medizin aus dem Fernen Osten
Mit Akupunktur, Kräutertherapie, Tuina, Qi Gong und Diätik bringt die chinesische Medizin auch dem westlichen Menschen Harmonie, Wohlbefinden und Gesundheit.
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) erlangt im Westen zunehmend an Bedeutung, denn sie führt immer wieder zu überraschenden Heilerfolgen – auch dort, wo unsere herkömmliche Medizin versagt. Vielen Patienten, die eine erfolglose Odyssee durch schulmedizinische Praxen und Krankenhäuser hinter sich gebracht haben, konnte durch TCM-Behandlungen letztendlich geholfen werden.
Ausgehend von der Erkenntnis, dass Krankheiten bei verschiedenen Menschen völlig anders auftreten, schenkt die TCM dem Kranken individuelle Beachtung. Nicht die Erkrankung ist hier das wichtigste, sondern der Mensch mit all seinen Organen, Emotionen, Denkweisen, Träumen und Eigenarten. Ist der Mensch gesund, so bildet nach der TCM alles zusammen eine harmonische Einheit. Krankheit hingegen bedeutet demnach Disharmonie: Etwas funktioniert nicht im Zusammenspiel dieser aufeinander bezogenen Faktoren. Daher muss der TCM-Therapeut jeden Patienten individuell betrachten, denn eine Disharmonie lässt sich weder erkennen noch behandeln, indem sie mit standardisierten Werten verglichen wird.
Dieses Verständnis von Gesundheit und Krankheit geht auf uralte Schriften zurück, die angeblich vom „Gelben Kaiser“ Huangdi im Jahre 2600 v. Chr. verfasst wurden. Während seiner Herrschaft soll Huangdi viel mit seinen Ministern und Ärzten über Medizin, Gesundheit, Lebensstil, Ernährung und Kosmologie diskutiert haben. Aus diesen Gesprächen entstand das „Neijing“ ¬– das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin.
Der Fluss der Lebensenergie
Ähnlich wie die Bibel wurde dieses oft neu übersetzt und wahrscheinlich auch neu interpretiert, doch die Grundidee ist erhalten geblieben: Die Menschen sind als Kinder des Universums in einen umfassenden Zyklus eingebunden. Zwischen den Erscheinungen in der Natur und den Vorgängen im Körper bestehen demnach Parallelen, die es zu erkennen gilt. „Gesundheit und Wohlbefinden könnt Ihr nur erlangen, wenn Ihr Eure Energie nicht vergeudet und den Fluss von Qi (Lebensenergie) konstant haltet, wenn Ihr Euch den jahreszeitlichen Veränderungen anpasst und vorbeugend Euer Selbst nährt“, lautet die Quintessenz des Neijing.
Die Chinesen sagen, jener Arzt sei der beste, der seinen Patienten die Krankheit sofort ansehe, etwa über eine veränderte Gesichtsfärbung. Auch Figur, Körperhaltung oder die Art zu gehen, geben Hinweise, die ein guter Diagnostiker erkennen sollte. Um die verschiedenen Symptome zu verstehen und aus ihnen ein Therapiekonzept zu erstellen, verwendet der TCM-Therapeut folgende Leitkriterien: Yin und Yang, Innen und Außen, Kälte und Hitze, Fülle und Mangel. Übergeordnet ist das Gleichgewicht von Yin und Yang, die weiteren Kriterien können in diese beiden Kriterien eingeordnet werden.
Das bedeutet, alle Symptome, die auf Hitze und Fülle schließen lassen und sich nahe der Körperoberfläche abspielen, sind Yang-Kriterien. Alle Symptome, die auf Kälte und Leere schließen lassen und auf das Körperinnere verweisen, sind Yin. Die Therapie sieht dann so aus, das Yin-Symptome mit Yang-Mitteln behandelt werden und Yang-Symptome mit Yin-Mitteln, denn das Prinzip einer erfolgreichen TCM-Behandlung lautet: Die negativen Faktoren vertreiben, die positiven unterstützen.
Die Heilkunst mit der Nadel
In jeder der fünf Therapieformen ¬– Akupunktur, Kräutertherapie, Tuina, Qi Gong und Diätik – werden aber nicht die Symptome einzeln behandelt, sondern die Disharmonie, die allem zu Grunde liegt. Die im Westen bekannteste Therapieform der chinesischen Medizin ist die Akupunktur. Dabei sticht der Therapeut mit feinen Nadeln aus Stahl an bestimmten Stellen ins Hautgewebe. Insgesamt gibt es 360 klassische Akupunkturpunkte.
Die Grundlage dafür bildet das menschliche Energiesystem. Dieses besteht aus Energiebahnen, den so genannten Meridianen, auf denen sich Punkte befinden, auf die eingewirkt wird, um den Fluss der Energie in den Bahnen zu normalisieren. Entscheidend für die Wirkung ist die Lage der Punkte und auf welche Art sie gestochen werden. Einige Akupunkturpunkte wirken erregend, andere wiederum beruhigend. Es gibt keine allgemein gültige Regel, denn die erregenden und beruhigenden Punkte liegen manchmal nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.
Außerdem ist es von großer Bedeutung, ob die Nadel oberflächlich oder tief gesetzt wird. Normalerweise wird etwa einen Zentimeter tief gestochen, aber manchmal genügen schon ein paar Millimeter. Bei einigen Punkten kann der Stich auch zehn Zentimeter tief gehen, beispielsweise am Gesäß. Die Nadeltechnik ist äußerst kompliziert, denn die Tiefe des Stichs ist nicht willkürlich, ebenso wenig wie der exakte Punkt, wo gestochen wird. Daher muss der Akupunkteur sehr gut ausgebildet sein – keineswegs sich darf ein Laie an die Akupunktur heranwagen.
Die vielfältigen Einsatzbereiche der Akupunktur
Die Stärke der Akupunktur liegt dort, wo man den Energiefluss um- oder ausleiten will. Sehr gute Erfolge werden bei Störungen erzielt, die auf Funktionen der Leitbahnen zurückzuführen sind, daher wird sie häufig als Schmerztherapie eingesetzt. Vor allem bei Kopfschmerzen, Migräne, Beschwerden im gesamten Wirbelsäulenbereich, Neuralgien und Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Außerdem bei
Atemwegserkrankungen (chronische Bronchitis, Asthma), funktionellen Störungen der Verdauung sowie bei allen seelisch- emotionalen Problemen (Reizbarkeit, Unruhe, Schlafstörungen, Angstzuständen).
Eine spezielle Form der Akupunktur ist die Moxibustion, die nach einem japanischen Pulver aus Bleifusskraut benannt ist. Dabei wird das Heilkraut entzündet und über den Akupunkturpunkten abgebrannt. Zum Verbrennen wird das Kraut in Form eines Kegels mit dem brennenden Ende so nahe wie möglich an die Akupunkturstelle herangeführt. Die Moxibustion wird bei schwacher Konstitution empfohlen. Die in China übliche Methode, den Kegel direkt an der Haut zu entzünden, wird hierzulande nicht praktiziert, weil sie recht schmerzhaft ist.
Tuina: die besondere Massagetechnik
Tuina bedeutet übersetzt so viel wie „Schieben und Greifen“ und ist eine Massagetechnik, die in China einen sehr hohen Stellenwert genießt. Sie umfasst das Massieren von Akupunkturpunkten und Muskeln sowie das Einrenken verschobener Bandscheiben und Wirbelkörper. Die Tuina-Therapie basiert auf denselben Prinzipien wie die Akupunktur und soll Blockaden im Verlauf der Meridiane auflösen. Dabei wirken die Hände des Therapeuten mit genau dosiertem Druck regulierend auf die Lebensenergie.
Eine Sonderform der Tuina-Behandlung ist die Akupressur, eine Massage, die auf die Akupunkturpunkte zielt. Sie wurde früher mit stumpfen Nadeln durchgeführt, die nicht in die Haut eindringen. Heute erfolgt sie jedoch mit der Fingerkuppe des Zeigefingers oder des Daumens. Die Akupressur wurde schon im alten China zur Selbstbehandlung empfohlen und zeigt in der Regel schnelle Linderung bei starken Schmerzen. Sie hilft aber auch sehr gut bei Ermüdungen und Verspannungen.
Qi Gong – mehr als ein Modetrend
Eine Methode der Traditionellen Chinesische Medizin, die eher der Vorbeugung als der Heilung von Krankheiten dient, ist das Qi Gong. Darunter versteht man eine Vielzahl von Bewegungs-, Atem- und Meditationsübungen, die es ermöglichen, die Lebensenergie in den eigenen Körper zu leiten, Blockaden zu beseitigen und auf diese Weise Krankheiten zu verhindern oder auch zu heilen.
Die Grundformen des Qi Gong gehen auf die Beobachtung von Tieren zurück. Es war der chinesische Arzt Hua Tuo (112 – 208), der die „Übungen der fünf Tiere“ entwickelte, in denen er die Körperhaltungen von Kranich, Bär, Hirsch, Affe und Tiger nachahmte. Er ging von der Erkenntnis aus, dass Tiere eine wesentlich bessere Gesundheit haben als Menschen und führte dies auf bestimmte regelmäßige Bewegungsfolgen zurück.
Die Konzentration auf das Atmen ist das wesentlichste Kriterium beim Qi Gong. Der Atem hängt eng mit dem Qi zusammen, das den Energiestrom im Körper beleben soll – sind die Energieleitbahnen blockiert, erkrankt der Mensch. Die wichtigsten Grundübungen von Qi Gong sind leicht zu erlernen und können dann fast überall praktiziert werden. Es empfiehlt sich allerdings, vorher einen Kurs zu besuchen – oder man kann auch nach einem Buch vorgehen.
Gegen alles ist ein Kraut gewachsen
Die Kräutertherapie ist zwar hierzulande weniger bekannt, aber in China stehen Heilkräuter im Mittelpunkt der Therapie. Dabei ist der Ausdruck Kräuter nicht so wörtlich zu nehmen, denn neben pflanzlichen Auszügen zählen auch tierische und mineralische Extrakte zur Kräutertherapie – ja sogar die Gallensteine einer Kuh oder das Sekret einer bestimmten Krötenart gehören dazu! Es gibt eine „Bibel“ der Kräutertherapie, die vom Gelehrten Li Shi-Zhen im Jahre 1578 verfasst wurde. Auf seinen Reisen durch China studierte er die Medizin seines Volkes und sammelte an die 11.000 Rezepturen, die noch heute ihre Gültigkeit haben.
Das wichtigste Kriterium bei der chinesischen Kräuterheilkunde ist die Geschmacksrichtung: Sie gibt genaue Hinweise auf die Körperschicht, in der die Heilpflanze wirkt. Ist ein Mittel beispielsweise scharf, so wirkt es auf die Hautoberfläche ein, ist es hingegen sauer, dann entfaltet es seine intensivste Wirkung im Inneren des Körpers. Auch alle anderen Geschmacksrichtungen – bitter, süß und salzig – wirken in sehr exakt definierten Regionen des Körpers.
Darüber hinaus ist jede Geschmacksrichtung einem der fünf Temperamente zugeordnet: kalt, kühl, neutral, warm oder heiß. Somit steht dem Therapeuten eine große Zahl an Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung. Bei der Behandlung gilt es, krank machende Faktoren aus dem Körper auszuleiten und im Anschluss daran die geschwächte Gesundheit wieder herzustellen.
Die Diät made in China
Die älteste Therapieform der TCM ist die Chinesische Ernährungstherapie. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch und jedes Nahrungsmittel seinen individuellen Charakter haben – und diese müssen zueinander passen, sonst kann selbst ein „gesundes“ Nahrungsmittel unverträglich sein oder sogar zu gesundheitlichen Schäden führen.
Die chinesische Medizin nimmt an, dass nicht nur die vorhin beschriebenen „Kräuter“, sondern überhaupt alle Nahrungsmittel jeweils eines der fünf beschriebenen Temperamente besitzen, also kalt, kühl, neutral, warm oder heiß. Ausschlaggebend für diese Auffassung sind Erfahrungswerte. Eine Chilischote beispielsweise verursacht ein heißes Gefühl und treibt den Schweiß auf die Stirn. Joghurt hingegen vermittelt stets ein Gefühl von Kühle.
Die Chinesen stellen sich vor, dass Nahrungsmittel, die unterschiedliche Wirkungen im Körper erzeugen können, auch in der Lage sind, den Energiefluss zu heben, zu senken oder schweben zu lassen. Die fünf beschriebenen Geschmacksrichtungen – scharf, süß, sauer, bitter und salzig – unterstützen diese Wirkung. Scharfe Speisen heben das Qi, salzige senken es, saure wirken eher neutralisierend. „Medizin und Ernährung haben denselben Ursprung“, lautet eine alte chinesische Weisheit. Und tatsächlich finden sich in den alten Schriften viele Anweisungen für Arzneimittel, die sich wie Kochrezepte lesen.
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